Ein Hoch auf Jungs – oder wie ich die Welt durch ihre Augen sehe.

Wenn ich einmal Kinder bekomme, dann wird es ein Mädchen werden, dachte ich früher immer.

Ich würde sie Amélie nennen, da gab es nichts dran zu rütteln. Sie hätte braune lange Haare und sanfte Locken so wie ich. Mit ihren braunen Rehaugen würde sie die Welt auf eine wunderbare Art betrachten wie ich es ihr wünschte und wie ich es bei ihrer Namensgeberin aus dem Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ wiederfand. Der Gedanke an ihre ruhige, sanfte Art und ihre Gabe, die kleinen Dinge im Leben mit Freude zu betrachten, erfüllte mich schon damals mit purem Glück. Ich konnte sie kaum abwarten, meine Amélie.

Ihr ahnt es sicher schon… Es kam alles anders.

Viele kinderlose Jahre vergingen, Amélie lies auf sich warten und während ich das hier niederschreibe kann ich mir ein Grinsen kaum verkneifen. Denn mein Blick ruht auf meinen zwei Söhnen. Statt einer Tochter bekam ich zwei Jungs und was soll ich sagen, es ist gut so. Es ist nicht nur gut so, es ist genau richtig so. Warum? Nun, eine Amélie wäre bei mir sicher eine Verlängerung meiner Selbst geworden. Mit den Erwartungen, die ich schon hatte. Puh, da wäre kein Mädchen glücklich geworden. Seien wir doch mal ehrlich. Wir haben doch alle so unsere Vorstellungen und sind dann enttäuscht, wenn sie nicht oder nicht so wie wir es uns vorgestellt haben, eintreten. Und meine Vorstellungen waren schon ziemlich konkret. Meine Jungs hingegen zeigen mir jetzt eine Welt, die ich bislang nur von außen betrachten konnte bis sie kamen. Statt einer ruhigen zarten Tochter habe ich zwei wilde Rabauken bekommen. Keine Prinzessin, sondern Ritter, Drachenjäger, Astronauten.

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Foto: Pixabay

Früher stellte ich mir vor, wie ich Amélies Haare kämmen und ihr einen Zopf flechten würde während sie ihre Puppe in der Hand hielt und sie einkleidete. Während dessen unterhielten wir uns, welches Kleidchen uns am besten gefiele. Die Realität heute ist anders: Auf allen Vieren stampfen wir im Wohnzimmer herum. Aus uns kommen Geräusche wie sie nur wilde Bestien von sich geben können: Rooooaar, grrrrrrr, roooooaaaeaaahhh. Mal sind wir ein Tiger, mal ein T-Rex oder auch ein feuerspeiender Drache. Wir brauchen keine großen Worte. Roooooaaar! Wir fallen wild übereinander her, alle Gliedmaßen fliegen hoch, wildes Gekreische und ab und an ein „Aua“, bzw. eher oft. Mit meinen langen Haaren bleibe ich alle naselang irgendwo hängen oder habe einen Fuß im Gesicht. Jetzt weiß ich auch, weshalb ein bleibender Schwangerschaftsrestebauch Rettungsring genannt wird: Er federt die wilden Tritte der kleinen Füße relativ sicher ab. Und während ich schon keusche und irgendwann aufgebe, kontert mein Großer mit „Komm wir spielen Fußball“. Fußball? Ich? Ja wär hätte das gedacht? Also ich zumindest nicht! Niemals! Never ever! „Na gut“sage ich und wir gehen hinaus in den Garten. Heute weiß ich sogar, was ein Abseits ist! Früher hätte ich milde und allwissend tuend abgewunken. Heute kann ich mitreden denn schließlich stehe ich zweimal die Woche am Fußballfeld und schaue meinen Jungs beim Training zu. Und warum ich das sogar gut finde? Nun, weil ich die Welt aus den Augen meiner Jungs neu erleben darf! Mit all ihren Höhen und Tiefen. Ich kenne mittlerweile alle Dinosauriernamen auswendig, richtig, alle! Oder weißt Du wie der Spinosaurus aussieht? Ja? Dann hast Du einen Jungen, stimmt’s? Ich kann Drachen bereits blind und linkshändig malen und Bagger, Kipplaster und Betonmischer gehören zu meinem täglichen Wortrepertoire. Spiderman und  Batman geben sich gegenseitig die Klinke in die Hand. Unser Wohnzimmer ist ein vulkanausbruch-gefährdetes Gebiet und wenn kein Ausbruch ansteht, ist die Bahn frei für ein Ritterturnier. Dann muss Papa mal eben als Pferd herhalten. Kartons werden zu Piratenschiffen umgebaut und Säbel fliegen durch den Raum. Alles was annähernd rund ist, wird als Fußball deklariert und fliegt einem um die Ohren. Die Ohren sind im übrigen ein Sinnesorgan, das mit Jungs ganz neue Spektren erlebt. Manchmal ist ein Tinnitus bestimmt von Vorteil denke ich.

Sind die Rabauken schließlich in ihren Schlafanzügen mit phosphoreszierende Planeten drauf im Bett, dann tauchen wir ein in Geschichten vom kleinen Taschi, der uns mit auf seine fabelhaften Reisen nimmt und uns von Räubern, Drachen und Gespenstern erzählt, oder vom kleinen Trotzdrachen, der einen Wutanfall nach dem nächsten bekommt und lernt wie er mit seinen Gefühlen umgehen kann. Wir lesen über Trostdrachen und natürlich alles, was mit Dinosauriern zu tun hat. Wir schlagen das Buch zu und herzen uns. Wenn ich dann in diese großen Augen schaue, die wie Sterne leuchten, wenn ich sehe, wie sie zu mir hoch schauen, sehe ich diese bedingungslose Liebe. Ich bin ihre Prinzessin. Ich bin diejenige, die sie heiraten wollen. Ich bin die beste und liebste und tollste Mutter. Nein das ist nicht immer so, ganz oft bin ich auch die gemeinste Mutter der Welt. Aber in diesen Momenten bin ich es. Und diese innige Zeit ist die kostbarste, denn sie ist von kurzer Dauer. Bald sehen sie in mir nicht mehr ihre Prinzessin, sondern vermutlich die größte Nervbacke aller Zeiten. Also nutze ich die Zeit und knutsche sie ab so oft ich an sie rankomme und wehre die Füße und Arme ab, die sich aus meiner Umarmung los strampeln wollen.

Schlummern sie dann selig vor sich hin, bahne ich mir den Weg aus dem Zimmer und trete dabei mindestens zweimal auf eine Playmobilfigur, mindestens genauso oft auf einen Helm eben dieser, einen Legostein und Mini-Schwertern, die nicht kleiner sein könnten  und sich ernsthaft schmerzhaft in meine Zehen bohren. Wenn ich dann humpelnd das Zimmer verlasse und am Abend alle Wunden verarztet sind, reiße ich beide Arme hoch und rufe triumphierend: „Wieder einen Tag überlebt.“

Manchmal denke ich an Amélie, wie das Leben wohl mit ihr geworden wäre? Was wären unsere Themen und Spiele gewesen? Es wäre sicher auch schön geworden. Aber das meiste käme mir wohl bekannt vor. Alles schon selbst erlebt. Meine Söhne hingegen zeigen mir die Welt aus einer Perspektive, die ich ohne sie nicht kennengelernt hätte. Ich lerne aber auch die Schattenseiten kennen. Jungs, die laut und wild sind, ecken oft an, ernten öfter böse Blicke oder rollende Augen. Ja, wir Eltern sehen das! Jungs werden von fremden Töchter-Vätern gerne mal ausgeschimpft, weil sie diesen zu nahe gekommen sind oder zu wild waren. Jungs dürfen nicht jammern oder weinen, zumindest nicht vor Fremden, denn diese scheinen davon noch immer irritiert zu sein und erlauben sich Kommentare, die manchmal unterirdisch sind. Deshalb mal an dieser Stelle: Lasst unsere Jungs weinen und jammern! Sie dürfen das genaue so wie Mädchen. Wenn sie hingefallen sind und Schmerzen haben, dann tut das weh! Das hat mit dem Geschlecht nichts zu tun!

Das Lungenvolumen von Jungs scheint tatsächlich ausgeprägter zu sein, zumindest ihrem lauten Geschrei und Gegröle nach zu urteilen.

Ja das nervt manchmal, ich gestehe, mir geht das auch manchmal so. Aber ich würde mir niemals anmaßen, es jemanden spüren zu lassen. Töchter-Mütter sehen das leider manchmal anders und rollen ausgiebig mit den Augen, wenn der Kaffeeklatsch nicht ganz so gemütlich und ruuuuhig verläuft wie gewöhnlich. Ja mit Jungs geht das halt nicht. Das ist unter anderem ein Grund, weshalb ich Treffen nur noch nach draußen, auf neutralem Gebiet vereinbare. Und das ist wohl auch besser so, denn wir gehören zum Team Michel aus Lönneberga.

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Foto: Pexels

Als mein erster Sohn etwa zwei Jahre alt war, konnte ich kaum ruhig sitzen bleiben.

Ständig rannte ich ihm hinterher. Im Sprintlauf warf ich so einige Male neidische Blicke auf Töchter-Mütter, die seelenruhig mit ihren Töchtern im Sandkasten saßen und Kuchen backten. Den Seitenblick gewöhnte ich mir ziemlich schnell wieder ab, da ich nämlich sonst verpasste, was sich mein kleiner Weltentdecker gerade wieder in den Mund schob. Mit Jungs ist man immer auf den Beinen und manchmal fühle ich mich wie ein Ringrichter: „Ready to rumble“, würde ich gerne den Startschuss geben. Doch meistens ist es eher ein: „Nein, es wird nicht geschubst.“ Und würde gerne hinzufügen: „auch wenn das Mädchen dich gerade zu erst geschubst hat und der Vater das natürlich gerade nicht gesehen hat.“ Mir ist nämlich aufgefallen (nichts für ungut liebe Töchter-Eltern), dass Töchter-Eltern, die Aggressivität ihrer Töchter gerne als Unfälle deklarieren. Im Ernst! Das habe ich schon oft beobachten können. Es heißt dann: „Ach das war doch keine Absicht gell, Sophie? Das war doch ein Unfall!“ Bei Jungs heißt es im Gegenzug: „Spinnt der? Der hat das mit voller Absicht gemacht!“ Wäre damit nicht mein eigener Sohn gemeint, würde ich oft gerne die Szenerien kopfschüttelnd meinen Latte Macchiato trinkend beobachten. Aber leider wird mein Latte bei meinem Zehnkämpfer oft kalt.

Ob Amélie vielleicht doch eher eine Pipi geworden wäre?

Das werde ich wohl niemals erfahren. Mit meinen Jungs wird es jedenfalls auch nicht langweilig und ich freue mich schon auf die Zeit, in der sie ihre erste Freundin mit Heim bringen und sie als ihre neue Prinzessin vorstellen werden. Ob ich dann die böse Hexe werde oder nicht bleibt noch offen. Und ob ich eben diese Prinzessin mit einer Leggins und Stirnband an begrüßen werde, mache ich abhängig davon, wie viele graue Haare mir meine Söhne noch bescheren. Ich finde, ein kleines bisschen Rache sei einem doch gegönnt, für all die kalten Latte Macchiatos. Aber jetzt bin ich erstmal die Nummer Eins und das muss auch so sein. Wie soll man sonst den Alltag mit Rabauken überleben?

Autorin: Derya Bonifer

5 thoughts

  1. Ich hatte im Prinzip die selbe Situation nur umgekehrt. Eher unverhofft doch mehr ein Junge erwartend habe ich heute drei Mädels. Ich bin perfekt in allem was mit Rosa, mit Glitter und Glitzer, Barbie oder Little Pony bzw. Filly zu tun hat. Ich kann Zöpfe flechten und Schminken. So viel zu den Erwartungen ^^

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