Über Elternratgeber und warum wir sie in die Tonne kloppen können!

Elternratgeber sollen Eltern Rat geben, doch manchmal ist ein Rat leider nur gut gemeint. Warum wir sie kaufen und dann doch nicht umsetzen.

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Als Pädagogin werde ich immer wieder mal gefragt, welche Elternratgeber ich gut finde und empfehlen würde. Die Antwort darauf ist nicht leicht. Ich bin kein Fan von all diesen Ratgebern – egal ob sie nun von Pädagogen, Psychologen oder Therapeuten verfasst wurden. Denn eins haben sie meist alle gemeinsam: 1. Diese Experten wissen es besser und 2. Sie wissen es besser als Du.

Dabei kennen sie dich doch gar nicht. Weder dich noch dein Kind. Nicht dein soziales Umfeld und alles was dich und deine Familie ausmacht. Und trotzdem meinen sie, die einzig wahren Antworten auf dein Problem zu kennen. Warum dein Kind nicht durchschläft? Ist doch klar: Du lässt es nicht lange genug schreien sagt der Eine. Du darfst es nicht schreien lassen sagt der Andere. Du darfst es nicht mehr hoch nehmen sagt A. Doch gerade das schafft vertrauen sagt der B. Das ist inkonsequent sagt A. Das ist inkonsequent sagt B. C kommt daher und sagt: „Kein Wunder! Dein Kind kann nicht schlafen, weil es überreizt ist.“ Und D sagt: „Nein weil es Zähne bekommt.“ Ja was denn nu? Auf wen will man jetzt hören? Überzeugend klingen sie doch alle mit ihren schlauen Thesen. Und mal Hand aufs Herz, wir wollen doch alle gute Eltern sein und nichts falsch machen. Da ist so ein Ratgeber irgendwie ja auch ganz praktisch: „Aber ich habe mein Kind doch ganz nach Jesper Juul erzogen. Ich weiß auch nicht, warum mir mein Sohn jetzt auf der Nase herumtanzt“. Man kann sich ja ein bisschen dahinter verstecken. Aber es hilft alles nichts.

So viele Meinungen wie Köpfe – das ist klar! Und genau deshalb bin ich kein Fan von Ratgebern. Therapeuten, die genau wissen, weshalb dein Sohn so aggressiv ist oder ein Schulversager! Es liegt nämlich an dir, weil du zu weich, zu hart, zu inkonsequent, zu was auch immer bist. Dabei kommt eins zu kurz: 1. Bringt jedes Kind sein ganz eigenes Temperament mit. 2. Auch du hast dein ganz eigenes Temperament und 3. Die Dynamik zwischen euch ist eine andere als bei deiner Nachbarin, deiner Freundin oder der Kindergartenmutti. Wenn du vom Typ eher inkonsequent bist, wie sollst du es schaffen, konsequent bei deinem Kind zu sein? Und wenn du es mit Ach und Krach schaffst bist du dann noch authentisch genug? Denn wir wissen ja alle, dass die Kleinen feinste Sensoren haben und jede kleinste Schwäche sofort aufdecken. Bist du ein kleiner Perfektionist? Was hilft dir dann der Rat zu mehr Gelassenheit? Das dürfte für dich doch wohl eher ein Fremdwort sein, oder? Magst du es gerne heimelig? Na dann wird dir das Buch „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ ganz schön auf den Magen schlagen. Bist du eine kleine Glucke? Bringst du es dann wirklich übers Herz, dein Kind im Bett zwei Minuten schreien zu lassen? Aber jedes Kind kann schlafen lernen, heißt es doch im Buch. Ja sicher, das wird es auch, früher oder später, keine Sorge. Der Grund weshalb wir also die Ratschläge nicht umsetzen können ist, dass sie so fern unserer Lebenswelt sind und einfach nicht passen – jedenfalls nicht zu uns.

Wo ist denn die Herde, wenn man sie mal braucht?

Aber genau das ist es. Wir haben Sorge, ob wir denn alles richtig machen. Uns fehlen einfach die Vorbilder. Wo ist denn die Herde, wenn man sie mal braucht? Ist euch schon mal aufgefallen, dass man oft die Ersten im Freundeskreis sind, die Kinder bekommen haben? Dabei vergessen wir, dass die Ulrike ja schon ein Kind hat und stimmt die Sabine hat ja sogar schon zwei und der Marcel doch auch oder? Mein Gott ist das lang her, dass man sich das letzte Mal gesehen hat. Und das ist das Problem. Junge Familien fallen irgendwie weg. Ist ja auch unpraktisch so ein Kind mit auf die Party zu nehmen und beim Brunch nervt es ja ehrlich gesagt auch ein bisschen. Das merken junge Eltern recht schnell und sind daher auch relativ schnell weg vom Fenster. Aber so wie Kinder sich alles abschauen, so machen wir Erwachsenen das auch. Von wem sollen wir uns nun also den Umgang mit Kindern abschauen? Wenn die Familien nicht mehr präsent sind, außer an der Supermarktschlange, wenn das verzogene Balg schreit wie am Spieß, weil es so ein blödes Überraschungsei haben will. Herrje, dann hol ihm doch eins! Hauptsache es hört auf zu schreien!

Also muss der Ratgeber her, der uns jetzt sagt, ob wir das Überraschungsei nun kaufen dürfen, sollen oder gar müssen oder nicht, oder doch als Belohnung, wenn es aufgehört hat zu schreien? Oder wie jetzt genau? Es ist wahrlich nicht einfach, in diesem Ratgeber-Wirrwarr wirklich den richtigen Rat zu finden. Zumal wir auch erst dann danach recherchieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Der Experte bist du!

Und nun komme ich mit meinen schlauen Sprüchen daher und sage: Der Experte bist du! Der beste Ratgeber ist deine Intuition. Ja richtig! Das gute alte Bauchgefühl. Sicher wird dir dein Bauchgefühl keine schlaue Theorie aufsagen, aber es wird dich wie ein Seismograph leiten. Du, du allein wirst merken, was für euch das Richtige ist. Du weißt was dein Kind braucht. Hab Vertrauen in dich, in dein Kind, in deine Familie. Auf seine Intuition zu hören ist mit Sicherheit keine neue Empfehlung und auch keine, die aus meinen Federn stammt. Ich will mich hier sicherlich nicht mit fremden Federn schmücken. Aber ich will diesen guten alten Rat wieder aus der Mottenkiste packen. In Zeiten, in den Bücher wie: „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, „Jedes Kind kann schlafen lernen“, „Nein aus Liebe: Klare Eltern – starke Kinder“ und „Warum französische Kinder keine Nervensägen sind“ in den Regalen der Bücherläden präsenter als zuvor sind, möchte ich euch bitten, bevor ihr zu so einem Buch greift, kurz inne zu halten und nach dem Buch: „Ich höre auf meine Intuition“ Ausschau zu halten. Findet ihr nicht? Richtig! Es gibt kein Buch, damit kann man kein Geld verdienen. Also wenn ihr euch einen Ratgeber kauft, dann packt eure Intuition dazu und lasst sie mitlesen.

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Doch manchmal passiert es, dass das Leben einen aus der Bahn wirft.

Vielleicht hast du deine Arbeit verloren, dein Vater ist pflegebedürftig geworden und wird nun zusätzlich von dir gepflegt, du erkrankst selbst, hast Depressionen oder was auch immer. Das Leben bietet uns so viel Schönes aber auch manchmal viel Schweres. Wenn das Leben zuschlägt, kann es zeitweise Zuhause zu ungünstigen Bedingungen kommen. Streit und Schreierei sind an der Tagesordnung. Ein Teufelskreislauf entsteht und dein Bauchgefühl hilft dir auch nicht mehr weiter. Das stimmt nicht ganz würde ich behaupten. Dein Bauchgefühl schlägt auch hier zumindest mal Alarm. Es sagt dir, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Aber wie nun den Teufelskreislauf durchbrechen? Wäre es so leicht, dann würde es sicher nicht TEUFELSkreislauf heissen, oder? Aber wir wollen den Teufel mal nicht an die Wand malen. Es gibt für alles eine Lösung. Doch anfangs will man nicht direkt zum Therapeuten, Coach oder gar zum Jugendamt rennen. Man will es doch erstmal selbst schaffen. Und der beste Weg ist meiner Meinung nach tatsächlich schon aktiv zu werden. Sich aktiv mit seiner Situation auseinanderzusetzen ist der erste Schritt. Das ist der Grund, weshalb ich diese Ratgeber nicht so ganz verteufeln will. Denn manchmal haben sie ja doch ganz gute Anhaltspunkte – einige zumindest. Die Kunst dabei ist es nur, die richtigen Punkte auszumachen und sie für sich anwendbar abzuwandeln, passend für sich und die eigene Familie zu integrieren und nicht einfach blind zu übernehmen. Manche Bücher bieten praktische Strategien, die durchaus hilfreich sein können. Wichtig ist nur weiterhin sein Bauchgefühl als Ratgeber mit hoher Priorität einzusetzen. Nicht jeder Rat trifft auf einen zu und mancher Rat ist leider einfach nur gut gemeint. Aber manche Worte treffen voll ins Schwarze und im besten Falle kann man allein schon durch das aktive Auseinandersetzen mit dem Thema und der inneren Einsicht, die diese Worte in uns erzeugen, eine Verhaltensänderung herbei führen. Und dafür hat es sich dann doch gelohnt.

Manchmal erkennen wir unsere Muster, aber schaffen es nicht sie alleine zu verändern. Insbesondere Glaubenssätze, die wir selbst in unserer Kindheit erworben haben, werden wir so schnell nicht von alleine los, da sie sich tief in unserem Hirn verankert haben. Da wird auch ein Ratgeber nicht viel bewirken können. Dann ist professionelle Hilfe gefragt.

Warum wir also ruhigen Gewissens die Ratgeber in die Tonne werfen können – einige zumindest

Ratgeber sind oft für eines gut: Sie erleichtern das Gewissen und leider auch das Portemonnaie. Die Zeit, die wir investieren, um das geeignete Buch zu finden und schließlich zu lesen, ist manchmal besser aufgehoben, wenn wir sie unseren Kindern widmen und sie zu Wort kommen lassen. Denn mal ganz ehrlich – jeder kann doch ein Buch schreiben! Und wenn eine Reporterin wie bspw. Pamela Druckerman, die Philosophie studierte und nicht Pädagogik oder Psychologie wohlgemerkt, darüber schreibt, wie toll die französischen Kinder erzogen sind und warum diese nicht nerven, spätestens dann sollten wir uns überlegen „Pamela who?“ Und warum französische Kinder nicht nerven, ist eher eine sehr traurige Geschichte, als eine die es sich nachzuahmen lohnt! Also weg damit! Besser noch: Gar nicht erst kaufen! Einige zumindest 😉

Autorin: Derya Bonifer

2 thoughts

  1. Hallo Danielle, vielen Dank für dein Kommentar! Wir unterscheiden zwischen Ratgebern und Fachbüchern. Letztere vermitteln viel Wissen, das uns in der Tat helfen kann unsere Kinder und auch uns besser zu verstehen. Natürlich ist es nicht unsere Absicht alle Elternratgeber zu verteufeln. Aber wir finden, diese sollten mit Bedacht gewählt sein. Vielen Dank für deine Buchempfehlung. Das werden wir uns anschauen. Viele Grüße Derya

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  2. Nachdem ich über 200 „Ratgeber“ (rein aus Interesse) gelesen habe, sehe ich das etwas anders. Kaum ein Buch erhob dabei den Anspruch „Tue X, dann passiert auf wundersame Weise Y“. Vielmehr behandeln die meisten Bücher das kindliche Verhalten. Es geht in den meisten Fällen darum, Kinder und ihr Verhalten zu verstehen. Und Verständnis ist nach meinem Dafürhalten der entscheidende Faktor im Zusammenleben mit Kindern. Wenn ich weiß, was genau da neurologisch in meinem Kind vorgeht, wenn ich weiß, welches Verhalten evolutionär bedingt noch vorhanden ist und wie Kinder ticken, dann schaffe ich es viel leichter, mich in sie hinein zu versetzen.

    Das gelingt mir insbesondere nur sehr schlecht, weil ich eben KEINE Vorbilder habe und meine Kindheit auch nicht reproduzieren will. Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, es ist völlig in Ordnung, Kindern zu Drohen, sie zu strafen oder vorteilhaft, sie zu loben. „Dann gehe ich eben ohne dich“ wird (intuitiv) tausende Male am Tag tausenden Kinder gesagt – dass man sich damit ihre Urangst zunutze macht, dass sie verlassen werden und ihre Zuneigung zu ihren Eltern sie zwingt zu gehorchen, das ist dabe kaum jemandem bewusst.

    Daher sehe ich es etwas anders und würde mir wünschen, dass Eltern sich sehr viel mehr damit beschäftigen, was Kinder brauchen :-).

    Es gibt übrigens keine mütterliche Intuition – das ist allein erlerntes Verhalten. Sehr spannend dazu: „Mutter Natur“ von Blaffer Hrdy (kein Erziehungsratgeber ;-).

    Viele Grüße
    Danielle

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