Heikle Sache, das mit dem Kinderwunsch – Was eine Frauenärztin dazu denkt

Natalie Mann-Borchert schreibt in ihrem Blog über Dinge, die sie im Laufe ihrer 25jährigen Tätigkeit als Frauenärztin beschäftigen. Heute über den Kinderwunsch – ein wirklich heikles Thema, wenn es nicht so klappt, wie erhofft.

Mann mit baby

Mit dem Kinderwunsch ist es ja so eine Sache.
Während unser Leben inzwischen in vielerlei Hinsicht gut planbar scheint und wir das auch gerne nutzen, ist es bei der Frage: „Wann bekommen wir ein Kind ?“ manchmal nicht so.
Zunächst.
Irgendwann kommt dieser ganz wunderbare und innige Moment, an dem sich zwei Menschen finden und gemeinsam entscheiden, dass sie eine Familie gründen wollen.

Inzwischen gibt es ja dank Zyklus-Handyapps und Fruchtbarkeitsmonitoren, Ovulationstests und nicht zuletzt dem wirklich wunderbaren Tool der natürlichen Familienplanung genug Möglichkeiten, sein Sexleben auch ein bisschen schwangerschaftsgewinnbringend zu strukturieren.
Und wenn es vielleicht nicht sofort passiert, aber meistens halt doch in den ersten sechs Monaten, nachdem man diesen Beschluss gefasst hat.

Was passiert aber nun genau dann, wenn sich dieser Wunsch einfach nicht erfüllen will?
Zunächst ist man noch ganz rational funktional unterwegs.
Zyklusunregelmäßigkeiten und die Organfunktionen kann der Frauenarzt abklären und behandeln, die Spermienqualität der Urologe.
Aber je mehr Monate vergehen, desto größer wird die innere Unruhe.
„Liegt es an mir?“
„Ernähre ich mich ausgewogen genug, um schwanger zu werden?“
„Ist mein Leben zu stressig, kann ich deshalb keine Kinder zeugen?“

Leise Zweifel machen sich breit und die Beziehung wird auf eine erste Probe gestellt.
Redet man über den Frust, der sich mit jeder Monatsblutung einstellt oder schluckt man den weg?
Planungen, die man schon im Hinblick auf eine eintretende Schwangerschaft gemacht hat, werden plötzlich frustrierend anstatt verlockend.
Vorhaben wie Urlaub, Wohnung oder Autokauf berücksichtigen ja oft den perspektivischen Familienzuwachs und werden unter Umständen auf diese Art und Weise so zu neuralgischen Punkten.

Aus der zunächst nur auf sich selbst fokussierten Frage, wird nun so langsam ein „Wir“ Thema.
„Machen wir was falsch?“
„Bin ich vielleicht gegen Dich „allergisch“?“

So gerne man auch endlich eine Antwort und eine Lösung hören möchte, so viel Angst hat man auch vor dem Satz:
„Sie können leider keine Kinder bekommen.“
Noch mehr davor, dass eine Diagnose eine Schuldzuweisung implizieren könnte:
„Wegen Dir kann ich keine Kinder bekommen.“

Spätestens hier wird es nun langsam richtig schwierig.

Nun ist die Antwort auf die Frage „Warum sind wir bisher nicht schwanger?“ Dank des medizinischen Fortschrittes zwar vielleicht schmerzhaft, aber häufig nicht perspektivlos.
Für die meisten Paare kann man, je nach Problem eine Therapie anbieten, auch jenen, bei denen man erst mal keine Ursache findet. Was übrigens gar nicht so selten der Fall ist.
Die allerdings, und das ist der nächste Hinkefuß, relativ aufwendig und mit einer ganzen Menge Nebenwirkungen versehen sein kann und finanziell, je nach Situation, durchaus kostspielig.

paar
Als Paar zusammenhalten Foto: Pexels

Inzwischen liegen die Nerven oft ziemlich blank.
Das Paar, das mal voller Euphorie und Liebe miteinander in das Projekt „Familie“ gestartet ist, reibt sich aneinander auf.

Sex nach Fahrplan hat viel mit „zusammen Funktionieren“ und wenig mit „gemeinsamer Leidenschaft“ zu tun. Auch wenn solche Momente oft noch anfangs mit Humor genommen werden können, schleicht sich doch mehr und mehr die Frustration und die Angst ein.
Hormonelle Therapien machen Frauen zu höchst sensiblen, verletzlichen Seelen und Männer, die am laufenden Bande Spermaproben abgeben müssen, fühlen sich als „Zuchtbullen“ missbraucht.
Noch dazu können sie ja oft mit niemanden über dieses Dilemma reden.

Wenn alle anderen Paare im Freundeskreis Sie freudig über ihren Zuwachs in Kenntnis setzen:

„Upps, wir waren so schnell schwanger, ich hatte die Pille ja nicht mal abgesetzt“, will man ja nicht unbedingt fröhlich damit kontern, dass man ja immerhin schon 18 Monate mit Fehlversuchen hinter sich gebracht hat, unzählige diagnostische Methoden kennengelernt hat und vor allen möglichen Ärzten sein Innerste nach außen gekehrt hat.
Dass man so zwar kein Kind, aber sich zumindest den Oscar in der Kategorie  „Disziplin und Durchhaltevermögen in einer Paarbeziehung“ verdient hat.

Wenn DANN alles nun gut läuft, wird, wie auch immer, nun Dank medizinischer Hilfe oder manchmal dann auch ganz plötzlich ohne, der Kinderwunsch erfüllt.
Das ist wunderbar und großartiger und passiert tatsächlich häufiger, als man daran glauben möchte. Nur Mut!!

Aber: Vielleicht auch nicht.
Vielleicht wird der Wunsch nach Schwangerschaft erfüllt, aber man verliert das Kind wieder.
Vielleicht wird alles erfüllt, aber man hat sich als Liebespaar auf dem Weg durch den Kinderwunschdschungel verloren. Es kann tatsächlich sein, dass nach Mist noch mehr Mist passiert.
Und dann hört man jede Menge kluge Worte, Töne des Bedauerns und noch mehr Ratschläge. Schlimmstenfalls hört man Dinge, die man besser nie hören sollte.

„Tante Petra fand ja auch immer, dass ihr eigentlich gar nicht zusammen passt..“
oder „Wie wärs denn mit einem schnuckeligen kleinen Cockerspaniel?? Die sind doch auch so süß…“

Okay, okay. Bevor der ganze Artikel jetzt in eine äußerst deprimierende Richtung abdriftet, und man den Schluss ziehen könnte, Kinderwunsch ende in einer Mehrzahl der Fälle im Beziehungsfiasko und/oder Kindernirwana, kann ich definitiv sagen, dass das so nicht ist.

Ich will nur sagen, dass man sich immer wieder klar machen sollte, dass Kinderwunsch nichts ist, was man bei Amazon zur Ausführung bestellen kann und dass man dem Prinzip „Wunder“ da einen gewissen Einfluss einräumen sollte.
Tun wir als Mediziner auch immer wieder.

Ich kann nach 25 Jahren Berufstätigkeit ein ganzes Buch füllen mit Geschichten rund um den Kinderwunsch, die völlig abstrus und jenseits jeder Wahrscheinlichkeit sind.
Ich habe Schwangerschaften gesehen, bei Frauen die völlig verschlossene Eileiter hatten, aber das Ei trotzdem den Weg in die Gebärmutter gefunden hat. Ich habe auch Schwangerschaften gesehen, bei Frauen, die, hormonell gesehen, gar keinen Eisprung hatten. Oder Frauen, die von Männern schwanger wurden, die keine Spermien zur Verfügung hatten. Ich habe sogar schwangere Jungfrauen gesehen….(mehr sag ich dazu nicht, denn die ärztliche Schweigepflicht ist hier oberstes Prinzip!!)
Ich will nur sagen: Fast alles ist möglich, allerdings erfüllen alle oben genannten „Wunder“ eine gemeinsame Voraussetzung: Sie entstanden durch irgendeine Art von Sex.

Ich will das nicht abschließend als generelle Empfehlung auf „Haben Sie einfach Sex und dann klappt das schon irgendwie vielleicht“ runterbrechen.
Ich will Ihnen eigentlich sagen: Egal, was passiert, verlieren Sie sich nicht selbst und die Partnerschaft aus den Augen. Pflegen Sie sich als Team. Zusammen ist man doch oft stärker, auch in der Krise und im Verlust.

Das kann dann auch sehr hilfreich sein, wenn es dann früher oder später geklappt hat:
Denn, zum Beispiel, zusammen durch eine dreistündige Pressphase unter der Geburt zu gehen, nachdem die Eröffnungsphase nur 26 Stunden gedauert hat, verbindet ungemein.

Später dann, wenn ihr Kind auf der Welt ist, wiederum kann Individualität in der Elternrolle ein echter Gewinn sein.
Man kann sich dann wenigstens die Bastelnachmittage im Kindergarten, das gemeinsame vegan-glutenfreie Plätzchenbacken, die Ballettaufführungen und die Fussballtuniere organisatorisch aufteilen… genauso wie die Elterngespräche, wenn das Kind sich mit Lesen, Schreiben und mit allen ihn umgebenden Autoritätspersonen schwer tut und die sich wiederum mit Ihnen als Eltern.

Treffen werden Sie sich dann eines Tages möglicherweise im Geräteschuppen, wo sie sich dann spontan, aus lauter Stress, dazu entscheiden, jetzt erst mal gemeinsam den Joint rauchen, den sie grade dem nun hausarrestabsitzenden, derzeit noch volltrunkenen Teenager abgenommen haben.

Und dann werden Sie vielleicht kurz darüber nachdenken, wer Sie eigentlich damals auf die bescheuerte Idee gebracht hat, Kinder in die Welt zu setzen.
Geht aber wieder vorbei der Gedanke, ich versprech´s.

 Autorin: Natalie Mann-Borchert

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