Kinderwunsch-Anarchie

Wenn zwei Seelen in einer Brust schlagen und warum ein bisschen Rebellion nicht schaden kann! Die langjährige Frauenärztin Natalie Mann-Borchert berichtet.

Immer wieder gefragt wurde ich wie man sich am Besten auf eine Schwangerschaft vorbereiten kann – Ich möchte jedes mal antworten:

Am Besten gar nicht.

Am Besten ist es, man hat einfach ne Menge Sex, trinkt sich vorher noch durch die Cocktailkarte, damit es noch ein bisschen beschwingter wird und nicht zu vergessen natürlich, das Frühstück mit viel Kaffee am nächsten Morgen im Bett.

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Einen Kaffee trinken ohne an den Kinderwunsch zu denken. Quelle: Pexels

Ha.
ich wünschte, es wäre so einfach und so „pralles Leben“.

Die Realität heute ist „vorher drei Monate Folsäure, diverse Über-arbeitungen des Impf-status, eine Handyapp, die die fruchtbaren Tage mit Blümchen anzeigt und den Sex mit Herzchen.
Kein Sushi oder Steak, kein Kaffee, keine Zigaretten und Sex ungefähr alle 1,5 Tage, weil sich sonst die Spermienqualität reduziert.

Ja das klingt nicht halb so sexy wie die Version Kinderwunsch 1.0 siehe oben.
Und trotzdem ist es inzwischen tatsächlich Realität.
Denn wenn man sich ein Kind wünscht, dann muss man erwachsen werden, und wenn man erwachsen wird, dann wird man vernünftig und wenn man vernünftig ist….naja. klar. Kinderwunsch Version 2.0

Und natürlich kann ich als Ärztin nicht zu zivilem Kinderwunsch-Ungehorsam aufrufen. Oder vielleicht doch?

Vielleicht kann ich Ihnen als Grundsatz erst mal empfehlen, dass es immer erst mal um Sie geht.

Damit es mal klar ist.
Ich finde nicht, dass man sich jedes Wochenende besaufen sollte oder dass man sich abends prinzipiell durch die Rittersportpalette isst.
Aber jeder von uns weiß: Es gibt solche Tage, manchmal sogar längere Zeitabschnitte, in denen der Erwachsene in uns Zwangsurlaub macht.
Das ist auch okay so. Auch wenn man schwanger werden möchte. Auch dann!!!
Und Sanktionen, die mit Abwertung zu tun haben, nutzen grade gar nichts, sondern sind erst recht völlig kontraproduktiv.

Mich erreichte just mal wieder eine Email, in der eine Patientin schrieb, dass die behandelnde Gynäkologin, völlig ungefragt, während einer Vorsorgeuntersuchung, ihr mit auf den Weg gegeben habe, sie solle erst mal Gewicht abnehmen, sonst klappe das mit dem Kinderkriegen sowieso nicht.

Ich gebe zu, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust.

Das eine ist die Vernunft und der medizinische Sachverstand, siehe oben, Plan 2.0.
Das andere ist, dass ich es respektlos und übergriffig finde, solche pauschalen Aussagen zu machen.

(Ja, es gibt hormonelle Probleme, die durch Übergewicht ausgelöst werden können. Ja, es gibt Risiken, die durch Übergewicht erhöht werden.
Aber das sind Risiken, keine absoluten Wahrheiten, auch wenn sie von einem Arzt ausgesprochen werden, ich schwöre!!)

Worum geht es also tatsächlich?

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Einfach mal zurücklehnen und es sich gut gehen lassen. Quelle: Pexels

So banal es klingt, aber Kinderwunsch hat bestenfalls tatsächlich was mit Wohlbefinden,  freudiger Erwartung und Entspannung zu tun.
Und das ist bei jedem von uns anders definiert, das persönliche Wohlbefinden.
Aber genau das ist unsere Verantwortung für dieses zu sorgen.
Dann kommen vernünftige, erwachsene Sichtweisen ganz von selbst und wir optimieren unsere Ausgangsbedingungen peu à peu, so wie es für uns ganz individuell richtig ist.

Denn, wissen wir überhaupt, was morgen kommt?
Hoffentlich ein Baby.
Und wenn nicht, gab es trotzdem ein gutes Leben im Jetzt und nicht ein perfekt durchgeplantes, aber erfolgloses und damit oft verdammt fades Leben mit dem Tunnel-Blick auf morgen.

(Apropos: Je früher Sie das Durchplanen loslassen können, desto eher sind Sie im Leben mit Kindern angekommen.)

Und! Es ist keine Schande ( absolut nicht!!), sich professionelle Hilfe ins Boot zu holen.
Wenn der Kinderwunsch Ihr ganzes Leben als Thema beherrscht, ist es völlig okay, zum Gynäkologen zu gehen, um sich dort Rat und Tat zu suchen, oder zu einem der vielen Kinderwunschbegleiter in Deutschland.
Sag ich jetzt mal so.
Das wichtigste zum Schluss: Es gibt keine Studie, die beweisen konnte, dass man im tiefenentspannten Zustand schneller schwanger wird, als im nervösen, erwartungsfrohen.

Der Unterschied liegt einzig und alleine in Ihrer Lebensqualität bis zu dem Moment des langersehnten ersten Schreies. Und so kann es dann weitergehen.
Über die Lebensqualität NACH dem ersten Schrei reden wir dann an anderer Stelle 😉!!

Autorin: Natalie Mann-Borchert

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