Du mußt wachsen, wenn Dein Kind wachsen soll

Gerne lesen wir die Artikel, in denen Mütter beschreiben, dass sie Tage haben, wo sie unfair sind, zu emotional, einfach müde und schlapp, aber das Lächeln ihrer Kinder sie wieder glücklich machen und sie dankbar sind, dass sie da sind! Ja! Wunderbare Geschichten – aus dem Alltag! Real! Und dennoch gehe ich weiter und erzähle hier, warum es Tage, Wochen oder gar Monate gibt, wo das schönste Lächeln des Kindes einen nicht mehr erreicht.

Na lieber alleine! 

Ich bin alleinerziehend. Das sind viele Frauen und Männer. Und manchmal ist es vielleicht die bessere Lösung als in einer lieblosen Beziehung zu sein oder in einer, wo der Partner oder die Partnerin keinen Anteil am Haushalt oder der Erziehung hat. „Dann lieber alleine!“ oder „Na dann habe ich auch 100% der Liebe meines Kindes für mich!“ Aufmunternde Worte, häufig aber für einen selbst. Tatsache ist, dass der Tag hart ist und die Tage so bleiben, denn es hört nicht auf. Wir leben häufig nicht mehr in Großfamilien, werden spät Eltern, haben wenige Geschwister, so dass die Erziehung beinahe zu 100% ohne Entlastung bei der Mutter oder dem Vater bleibt.

Man findet an manchen Tagen und Wochen einen Rhythmus – so lange es Arbeit und Kind zulassen. Wenn das Kind aber einen Entwicklungsschub hat oder krank ist, dann droht dieses fragile Konstrukt zu zerbrechen, man muss sich als Alleinerziehende sehr schnell flexibel anpassen. Wie alles organisieren, wie dem Kind gerecht werden, sich der neuen Situation anpassen?

Tu es denn es tut sonst kein anderer! 

Es klingt so abstrakt? Ja ist es häufig auch, denn wir Alleinerziehende ackern den ganzen Tag, damit alles funktioniert, denn eines kann ich hier ganz sicher sagen: Wenn Du es – und ES steht für ALLES – nicht tust, tut es kein anderer. Wenn Du krank bist, dann bleibt alles so – genau so – liegen, wie es am Vortag war, niemand geht einkaufen, putzen, wäscht das Kind, zieht es an, spielt mit ihm oder fördert ihn. Ja nicht zu vergessen, die Förderung, die wir immer im Sinn haben. So geht es Müttern in einer Beziehung auch vielleicht, wenn man sich die Aufgaben nicht teilt, aber hier gibt es diese Option schon nicht. Während ich diese Zeilen tippe, schreit mein Kind unentwegt, weil ich ihm zu wenig Aufmerksamkeit zolle, klettert permanent auf mich drauf und zieht an mir, ich soll doch bitte kommen. Es gibt Tage, da kann ich lachen und auf ihn eingehen und an anderen Tagen könnte ich weinen. Denn dann schaue ich mich um und sehe noch zusätzlich ein Chaos hinter mir, von dem ich nicht weiß, wann ich das noch erledigen soll. Zusätzlich kommt der wahnsinnige Druck von außen, den Supermuttis, die das alles nie verstehen können und sie „es schließlich auch hinbekommen!“ „Alles eine Frage der Organisation“.

Mythos Mama, ich habe daran geglaubt

Dann werde ich ungeduldig, unfair, laut und leise. Fühle mich ohmächtig, weil ich bereits genau in diesem Moment merke, das geht in die falsche Richtung. „Ja so lange du das noch merkst, ist doch alles noch gut, dann bist du doch keine schlechte Mutter“ lieb gemeinte Sätze meiner Freundinnen. Aber doch, es tröstet mich nicht. Es geht nicht nur darum, dass man sich als Mutter schlecht fühlt, sondern einfach ausgelaugt ist und nicht weiß, wann das endet. Ich bin dem Mythos Mama erlegen, weil ich dachte, das sei Glück pur. Es ist Glück, phasenweise, in kleinen Schüben, in bestimmten Momenten. Der Rest ist harte Arbeit und zwar konstant und dabei kennen wir fast alle das Gefühl, dass wir nicht genug gegeben haben, oder? Wir hätten mehr spielen können, mehr reden, öfter lachen – weniger schlafen sogar, um den Haushalt noch gewuppt zu bekommen. Von allem einfach mehr mehr mehr.

2015 war ich zweimal abends weg. Ohne Kind.  Ja auch hier höre ich oft „Ach komm, wo ein Wille, da ein Weg!“ Aber viele wissen nicht von der sozialen Isolation der Alleinerziehenden. Geld ist praktisch nie vorhanden und nie genug, ohne Partner hat man wenig zum Teilen, sei es von einfachen Gedanken bis hin zu Sorgen. Wenn das Kind krank ist, kommt neben der Angst um ihn häufig auch die Erschöpfung, weil er einfach noch mehr Aufmerksamkeit braucht. Rechnungen türmen sich. Die Lust schwindet, weil man nur noch Baustellen sieht. Und wenn wir arbeiten können, weil das Kind – endlich – einen Krippenplatz bekommen hat, dann sehen fast alle Arbeitsplätze für Alleinerziehende gleich aus: Mau! Mau deshalb, weil viele eben nur bestimmte Zeiten abdecken können, weil viele Arbeitgeber Muttis, die in Teilzeit tätig sind, beruflich degradieren oder zumindest ihnen weniger zutrauen als vorher. Man kann auch nicht einfach mal eben länger bleiben oder Überstunden machen und JA, wir brauchen die Urlaubszeit GENAU in der Ferienzeit, weil die Krippe da zu hat. Sie ist GESCHLOSSEN, ob der Kollege das nun versteht oder nicht, es ist einfach NICHT MÖGLICH. Es ist nicht so, dass wir so erpicht darauf sind, diese Tage zu nehmen. In den Urlaub fahren ist sowieso finanziell nicht drin.

Die Einhörner der Gesellschaft: Alleinerziehende! 

Ich könnte so vieles schreiben, was es so schwer macht. Politisch gesehen werden Alleinerziehende 2016 noch immer so behandelt als wären sie Einhörner der Gesellschaft und Armut ein Einzelfall. Soziale Leistungen schließen sich häufig untereinander aus. Als Single-Mum oder Single-Dad einen Partner kennenzulernen in Zeiten von Tinder machen keinen Spaß. Wir wollen und können vor allem nicht Partner danach aussuchen, ob wir sie nach rechts oder links wischen.

Das Glück finde ich nun in den kleinen Momenten und trotzdem wurde es schwarz

Wir werden dankbar für die kleinsten Glücksgefühle: Mein persönlicher Luxus ist es, dass ich an der Tankstelle schnell an die Kasse hechten kann, weil ich mein Kind ohne Geschrei endlich im Kindersitz lassen kann. Und das ich wirklich fünf Minuten duschen kann, weil das Kind nicht mehr schreiend an die Duschkabine hämmert, sondern sich nun im Wohnzimmer beschäftigen kann, aber länger als fünf Minuten habe ich mich noch nicht getraut. Aber das wird wahrscheinlich mit der Zeit auch besser werden. Und ja natürlich freue ich mich über diese Tage, wo mich mein süßes Kind anlächelt und ich es hochwirbele und ich freue mich über sein Lachen. Doch ich kenne auch eine Zeit der Dunkelheit, tief gefallen in ein schwarzes Loch. Völlig ohne Andeutungen, wie ich damals fand. Alle Signale ignoriert. Ich wachte auf und hatte keine Kraft mehr, das Bett zu verlassen. Ich saß auf dem Boden und wusste nicht, was ich mit meinem Kind anfangen sollte. Sein vorher süßes Lächeln erreichte mich nicht mehr. Ich wandelte, wie abgestorben, ja wie ein Zombie durch den Tag, weil mir die Kraft zum weinen, zum atmen fehlte. Ich fragte mich, ob es das alles wert war. Ich ging täglich über meine Grenzen hinaus und hatte mich irgendwo auf dem Weg verloren. Dabei war niemand dran schuld, nicht mein Kind, nicht ich, nicht mein Umfeld. Es waren so viele kleine Dinge, die keinen Raum hatten, die sich nun Raum schafften.

Es wurde heller

Mein altes Ich schrie und weinte und forderte „Ich will das alles nicht mehr!“ und ich hatte nicht mehr die Kraft zu antworten: „Beruhige dich, du bist einfach ko“. Ich konnte nicht weinen. Nicht lachen. Nicht schlafen und nicht gehen. Ich weiß bis heute nicht wie mir der Weg zurück gelungen ist, aber es hat mich demütig machen lassen. Demütig und dankbar für jeden Tag, an dem ich wieder ich bin und mein Kind in den Arm nehmen kann und seinen Wert fühle. Ich bin demütig, weil ich weiß, dass es so vielen Frauen und Männern so geht. Und vielleicht sogar schlechter. Aber wir dürfen nicht darin verharren – weil wir als Eltern wachsen müssen, wenn wir wollen, dass unsere Kinder wachsen. Wir können nicht aufgeben, ohne unsere Kinder aufzugeben. Vielleicht ist es das, was Elternschaft ausmacht: Nicht perfekt zu sein, sondern zu geben, was wir können. Immer wieder.

Wir werden dem Thema Alleinerziehende einen Themenmonat widmen und freuen uns über Eure Geschichten oder Beitragsvorschläge! Schreibt uns gerne unter kontakt@elternheute.de

Autorin: Gülden Gülaydin

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