Hochsensible Kinder und ihre Emotionen – wie wir damit umgehen – und was die Amygdala da verloren hat

Der Alltag mit einem hochsensiblen Kind stellt uns manchmal vor Herausforderungen. Wie wir diese meistern und wie wir mit Situationen umgehen können, wenn sie zu entgleisen drohen.

In Hochsensibel oder Hochsensitiv, was ist das eigentlich? und Hat Dein Kind ADHS? Oder was? haben wir bereits beschrieben, wie hochsensible Kinder auf Reize reagieren. Sie nehmen ihre Umwelt intensiver wahr und intensiv ist nahezu alles an ihnen, vor allem ihr emotionales Spektrum. Introvertierten hochsensiblen Kindern mag man es manchmal kaum ansehen, aber auch ihr emotionales Innenleben ist intensiv. Bei extrovertierten muss man nicht lange raten. Sie tragen ihre emotionale Befindlichkeit quasi auf der Stirn, sichtbar für jeden.

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Quelle: Pexels

Es ist das wunderbare an diesen Kindern, die sich über einen Streifen am Horizont genauso freuen wie über einen Riegel Schokolade. Der Klatschmohn am Wegesrand ist mindestens genauso spannend wie eine Folge „Feuerwehrmann Sam“. Sie lachen sich über ein einziges Wort schlapp, weil es so lustig klingt, genauso wie über das „Pupsgedicht“ von Andrea Schütze. Ihre Neugier reicht von hier nach Timbuktu. Sie sind Forscher und große Experimentierer. Sie nehmen den kompletten Haushalt auseinander, weil sie in jedem Ding ein potentielles Bastelutensil sehen, dass sie uuuuunbedingt benötigen ohne das es gaaaaaar nicht geht. Mit diesen Kindern kann man viel lachen und viel Freude haben.

Das war die eine Seite der Medaille. Die zweite gibt es natürlich auch

Und so schön die erste ist, so wahnsinnig anstrengend ist diese zweite Seite. Aber sie gehört dazu, denn wir reden von Emotionen und diese sind angeboren! Zumindest die Basisemotionen. Zu ihnen gehören: Angst, Wut, Freude, Traurigkeit, Ekel, Neugierde und Verachtung. Manche Theoretiker haben andere Bezeichnungen oder auch eine Basisemotion mehr oder weniger. Darüber wollen wir an dieser Stelle aber nicht streiten. Kommen wir zurück zu der zweiten Seite der Medaille. Jeder, der ein hochsensibles Kind hat, kann es sicher bestätigen: Wie groß die Angst manchmal sein kann. Die Angst vor Fusseln in der Badewanne beispielsweise. Nach Rolf Sellin, dem Autor von „Mein Kind ist hochsensibel – was tun?“, tun Kinder, das einzig Sinnvolle, wenn sie Angst haben: Sie erregen die Aufmerksamkeit ihrer Eltern und das auch mal lauthals. Wut? Oh, wer kennt die liebe Wut nicht? Manchmal werden wir von der Wutattacke heimgesucht, wie ein biblischer Fluch und manchmal noch bevor wir wissen, was überhaupt los ist. Sie rollt dann wie ein Tsunami über uns hinweg. Das Spektrum ihrer emotionalen Bandbereite reicht von himmelhochjauchzend bis zu todebetrübt.

Und manchmal kommen wir da nicht mehr mit.

Manchmal überrollen uns auch unsere Gefühle, meistens dann, wenn unser Kind uns einen Strich durch unsere Planung macht. Wir sind sowieso schon wieder spät dran und müssen uns nun wirklich sputen, aber der Nachwuchs macht keine Anstalten, der Aufforderung nachzukommen. Stattdessen hockt es immer noch halb nackt im Zimmer und sträubt sich, den Pulli anzuziehen, weil das Etikett so schrecklich juckt. Ein Wort ergibt das andere und plötzlich bricht ein Streit vom Zaun. Das sind Momente, in denen wir vor Erschöpfung nieder sinken möchten. Hochsensibilität kann uns ganz schön mürbe machen, weil wir einfach nicht dagegen ankommen. Wir müssen uns damit einrichten und es könnte auch schön damit sein, wenn sich die Welt da draußen nur nicht so schnell drehen würde. Wenn die Anforderungen an uns Eltern nur nicht so hoch wären.

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Oder gibt es einen Chef, der rücksichtsvoll auf das erneute Zuspätkommen reagiert, weil der Nachwuchs mit der Klammottenwahl nicht einverstanden war? Eher nicht. Oft haben wir viele Erfahrung dieser Art machen müssen und genau diese Erfahrungen sitzen uns nun im Nacken, wenn wir um die Kleidung zanken.

Wir stehen massiv unter Druck.

Unsere Amygdala reagiert, denn es denkt wir sind in Not. Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung von Emotionen wie Angst und Wut. Hauptsächlich ist sie für autonome Funktionen des Körpers zuständig, damit wir in Notsituation sofort die Flucht ergreifen können. Dabei wird das Großhirn umgangen, denn es wäre nicht ratsam, erst in Ruhe darüber nachzudenken, ob wir nun fliehen sollten oder nicht. Vermutlich wären wir sonst eine ziemlich schnelle Beute. Das bedeutet aber auch, dass die Amygdala schneller reagiert als unser Großhirn! Bevor wir also darüber nachdenken, wie wir die Situation lösen können, reagieren wir schon emotional über. Sätze sprudeln aus uns raus, die wir besser nicht gesagt hätten! Es gibt kein Halten mehr. Und nun rollen WIR wie ein Tsunami über unser Kind hinweg. Vielleicht packen wir es grob an und ziehen ihm selbst diesen verdammten Pullover über. Der Weg zum Kindergarten wird heulend und tobend angetreten. Das einzige, was wir uns nun wünschen, ist einmal die Fernbedienung in die Hand nehmen zu können und auf den Reset-Knopf drücken zu dürfen. Die Wut ist langsam abgeflaut und wird ersetzt durch ein anderes Gefühl, das schlechte Gewissen. Es zerreißt uns innerlich, denn in diesen Momenten fühlen wir uns wie die schlechteste Mutter oder der schlechteste Vater der Welt.

„Du kannst dich kurz schuldig fühlen und dann nimm dein ganzes schlechtes Gewissen und vergrab es auf Nimmerwiedersehen im Wald.“ sagt Jesper Juul, Familientherapeut, dazu.
Und: „Wir sind alle nur Menschen, klar passiert es, dass wir ausrasten. Doch was zählt ist, wie wir in Zukunft handeln wollen. Wer nicht aufgibt, kann nicht verlieren.“

Also was können wir tun, um die Amygdala künftig in solchen Situationen auszutricksen?

Mund zu oder benutze deinen Schlüsselsatz!

Zunächst einmal halte den Mund! Genau, richtig gehört! Einfach den Mund halten! Sag jetzt nichts! Denn du wirst es später bereuen, dass weißt du genau. Oder benutze einen Schlüsselsat wozu Oskar Holzberg, Psychologe, Paaren rät: „Aua statt Power“. Denn wenn wir zuerst die Stacheln einfahren (Power) und uns verletzlich zeigen (Aua), können wir wieder Nähe spüren. Vielleicht ist „Aua statt Power“ hier nicht angemessen. aber es hält uns doch nichts davon ab, einen eigenen Schlüsselsatz für solche Situationen zu finden. Wie wäre es mit „Druck statt Frust“? Dann wird uns klar, dass wir gerade enorm unter Druck stehen, die Situation zu entgleisen droht und im Frust enden wird. „Wenn wir unsere Ängste teilen und unseren Schmerz zeigen, führt uns das wieder zueinander, wenn weiche, verletzbare Gefühle spürbar werden.“ so Holzberg. Das gilt für Paare, unseren Kindern ist es möglicherweise eher gleichgültig, ob wir uns nun verletzlich zeigen oder nicht. Nicht egal ist ihnen aber sicherlich, wenn wir es schaffen unseren Stachel einzuziehen.

Hände weg!

Du kannst deine Hände hinter dem Rücken verschränken, um einen groben Körperkontakt zu vermeiden.
Du kannst auch den Butterfly-Hug anwenden. Im Buttlerfly-Hug (Schmetterlingsumarmung) nimmst du dich selbst in den Arm, kreuze die Unterarme über dem Brustkorb, so dass die Hände auf den Schultern zum liegen kommen. Klopfe dir nun abwechselnd auf die linke und die rechte Schulter. Durch die bilaterale Hemisphärenstimulation (beide Gehirnhälften werden durch Bewegung motiviert besser zusammenzuarbeiten) wird gleichzeitig Stress abgebaut.

Beende die Situation.

Verlasse das Zimmer. Sag deinem Kind vorher, dass du dich beruhigen musst und eine Pause brauchst.

Bewege dich.

Bewegung tut gut! Renn die Treppe rauf und runter, mach Hampelmänner oder tanze! Hauptsache du bewegst dich und das Adrenalin wird wieder angebaut.

Meditiere.

Atme tief ein und langsam aus. Versuch deinen Kopf ganz frei zu machen. Zähle dabei und stell dir die Zahlen dabei bildlich vor. Das logische Denken wird hinzugeschaltet und der emotionale Reiz gestoppt.

Benutze einen Duft.

Das olfaktorische Kortexareal steht in enger Verbindung mit der Amygdala. Benutze ein Helferspray gegen „schlechte Laune“ beispielsweise von aetherio oder einen anderen Duft mit dem du positive Erinnerungen verknüpfst.

Bin ich wieder klar im Kopf? Hat sich mein Puls wieder normalisiert? Erst dann öffne ich meinen Mund wieder. Das Kind hat ja keine Ahnung, weshalb mich sein Verhalten unter Druck setzt.
Ich biete eine Alternative an und beziehe es mit ein.
Ich lerne aus der Situation und weiss nun, dass ich die Etiketten aus den Pullis entfernen sollte und künftig beim Klamottenkauf darauf achte. Hilfreich ist es auch sicher, die Kleidung am Vorabend gemeinsam auszusuchen und rauszulegen.

Unsere Kinder stellen uns immer wieder vor Herausforderungen, die wir täglich meistern müssen. Mal gelingt es uns besser mal schlechter. Mal fühlen wir uns wie Supereltern und mal wie Rabeneltern. Aber was wäre, wenn wir solche Herausforderungen als Möglichkeit für unseren Wachstum begreifen?

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Quelle:. Pexels

Eine tolle Gelegenheit auch für unsere Kinder, Selbstregulation zu lernen.
Wer die täglichen Anforderungen positiv sieht, wächst an ihnen bestätigen auch neuere Studien. Stress ist Ansichtssache, also eine Frage der Perspektive. Daran können wir wunderbar anknüpfen. Stress bringt unsere Fähigkeiten auf den Punkt. Er ist also ein guter Freund. Viele fürchten den Stress dabei beinhalten Stressereignisse immer einen Lerneffekt. Ein Perspektivwechsel lohnt sich also.

Autorin: Derya Bonifer

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