Hat Dein Kind ADHS? Oder was?

ADHS oder Hochsensibilität? Da liegen doch Welten dazwischen! Denkste!

Als dein Kind noch ein Baby war, schrie es viel und fühlte sich so recht nur auf deinem Arm geborgen? Abwechselnd schaukeltet ihr das kleine Würmchen, um es wieder zu beruhigen. Vor allem als es die berühmte Dreimonatskolik hatte. Und während andere Babys ganz mit sich in ihrem Spiel versunken waren, blickte deines nach den anderen und versuchte Kontakt herzustellen? Vielleicht hat es deshalb schon recht früh angefangen, sich zu artikulieren. Sein Spracherwerb startete früh und ging schnell? Der Wunsch nach Interaktion blieb und nun redete es von morgens bis abends? Die Füße blieben nie still? Die Gefühlspalette reichte von himmelhochjauchzend hin zu todebetrübt? Ein Wutausbruch jagte den nächsten? Ins Restaurant gehen – das habt ihr euch schon lange abgeschminkt? Oft ist deinem Kind alles zu laut, es selbst darf sich aber in den höchsten Tönen ausdrücken. Noch versuchtet ihr alles mit dem berühmten Entwicklungsschub und Trotzphasen zu erklären. Aber insgeheim wußtet ihr schon: Irgendetwas ist anders. Euer Kind ist anders als andere.
Dazu beigetragen haben sicher auch die Blicke der anderen. Sowie die hier und da mal flapsig geäußerten Kommentare wie: „Der hat doch ADHS oder?“
Noch mehr achtetest du auf den Zuckerkonsum und reduziertest ihn deutlich. Fernsehen gab es auch nicht mehr, denn euch ist aufgefallen, dass euer Kind nach dem fernsehen völlig außer Rand und Band ist. Plötzlich befandest du dich in der Position der Beobachterin? Und je mehr du dein Kind beobachtetest, um so bedrückter wurdest du. Hier stimmt etwas nicht. Nur was ist es?

Viele Köpfe, viele Meinungen.

Fragt man den Osteopath, ist es eine Verspannung. Fragt man den Heilpraktiker, ist es ein Darmpilz, fragt man den Kinderarzt ist alles ganz normal. Fragt man den Kinderpsychologen, ist es vielleicht die Diskrepanz zwischen emotionaler und kognitiver Entwicklung. Aber du weißt genau, das ist es nicht! Und zu allem Überfluss wirst du langsam von allen Seiten angesprochen. Plötzlich fragt dich der Kindergarten, ob denn dein Kind momentan irgendwie unter Druck steht. Freunde sind genervt von deinem Kind und rollen schon bei jeder Kleinigkeiten mit den Augen. Und du willst ihnen einfach nur ins Gesicht schreien, dass sie dein Kind in Ruhe lassen sollen! Es ist nunmal wie es ist! Und eigentlich findest du es so auch gut! Denn dein Kind ist vielleicht sehr lebendig und impulsiv und ja es ist oft wahnsinnig anstrengend, aber es ist auch sehr feinfühlig und tiefsinnig. Es macht dich auf viele kleine Dinge aufmerksam, die du so nie gesehen hättest; den kleinen Klatschmohn am Wegesrand zum Beispiel. Und sind es nicht die kleinen Dinge im Leben, die das Leben so lebenswert machen? Stundenlang kannst du mit deinem Kind in Ruhe malen, basteln und puzzeln. Wenn ihr alleine seid, ist Vieles oft leichter.

Langsam beginnt ihr euch abzuschotten.

Du willst dein Kind beschützen vor den Anderen, die es verurteilen, die meinen, mit ihm schimpfen zu dürfen, nur weil es wiedermal übermütig etwas angestellt hat. Und du willst dich beschützen vor den Blicken, die dich anschauen, als wärst du eine schlechte Mutter. Eine, die einfach keine Grenzen setzen kann. Eine, die ihr Kind nicht im Griff hat. Du willst aussteigen aus dem Sumpf der Stigmatisierungen und Bewertungen, der Vorurteile und Klischees. Jeder Blick eine Kränkung, jedes Wort ein Stich ins Herz. Und obwohl dir alle Experten versichern, dass dein Kind kein ADHS hat, weil es eine wahnsinnige Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit hat, bist du immer noch keinen Schritt weiter und verzweifelst langsam. Die Wutausbrüche kosten dich deine letzte Kraft und alles was du willst, ist endlich dein Kind verstehen. Irgendwann ganz beiläufig hörst du den Satz „Ob dein Kind nicht vielleicht hochsensibel ist?“. Hochsensibel? Dein Kind? Du kennst vielleicht schon hochsensible Kinder. Die, die sehr zurückgezogen sind. Die, die dir nicht mal in die Augen schauen bei der Begrüßung und sich sogar hinter der Mutter verstecken. Dein Kind ist aber das absolute Gegenteil davon. Es redet sogar Fremde an. Hat überhaupt keine Scheu vor Interaktion. Es plappert drauflos und will jedem alle seine Gedanken aufbinden. Dein Kind schäumt förmlich über. „Das Verhalten ist gegensätzlich, das stimmt. Die Auslöser aber sind doch die gleichen“, hörst du. Also liest du dich doch in die Thematik ein und willst ja nichts unversucht lassen und plötzlich fällt es dir wie Schuppen von den Augen? Dein Kind ist hochsensibel. Tatsächlich. Denn was du nicht wusstest ist, dass es auch extrovertierte hochsensible Kinder gibt! Kinder, die tatsächlich gerne mit ADHS verwechselt werden, weil sie genau so impulsiv sind. Ein kleiner Zappelphilipp. Rückblickend wird dir nun alles klar. Jetzt weißt du, dass die Dreimonatskolik keine war, sondern eine Regulationsstörung. Jetzt weißt du, dass du dein Kind nicht überall hin mitnehmen konntest, weil die Reize es einfach überflutet haben. Nein, es war keine Bösartigkeit deines Kindes. Und die Wutausbrüche? Traten auf, wenn dein Kind völlig überreizt war, es einen langen Tag hatte und du auch schon mit deinen Nerven am Ende warst.

Plötzlich klingt alles logisch.

Mehr noch, du findest auch dich darin wieder. Jetzt weißt du, warum du so tief empfindest und das Gemüt anderer dich beschäftigt und gar bedrückt. Dir wird klar, warum du so verletzlich bist. Du versteht nun, warum dein Körper auf einige Dinge mit Unverträglichkeit reagiert, wie Medikamente und Parfums, die du nie so richtig gut vertragen hast.
Jetzt hast du die Antwort und deine Seele atmet wieder auf. Nein, sicher, es ist keine Entschuldigung, Ausrede oder Vorwand für was auch immer. Aber endlich ist das Puzzle vollendet und du hast ein Bild vom großen ganzen. Und jetzt kann du auch die vielen positiven Seiten sehen. Sei nachsichtig mit dir und deinem Kind und du wirst sehen, manches wird leichter, manches auch nicht.

Fakten: Der Begriff „Hochsensibilität“ wurde von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron entwickelt. Basierend auf den wissenschaftlichen Arbeiten von C.G. Jung, Iwan Pawlow, Jerome Kagan und Alice Miller entwickelte sie ihre Theorie, dass 20 Prozent der Menschen Reize stärker aufnehmen als andere. Von diesen 20 Prozent sind lediglich 30 Prozent extrovertiert. In ihren Studien konnte sie zeigen, dass extrovertierte Kinder in oft engen und liebevollen Gemeinschaften aufwachsen. Extrovertierte Kinder werden häufig mit ADHS fehldiagnostiziert. Extrovertierte Kinder unterscheiden sich jedoch von Kindern mit ADHS in einigen Punkten: Extrovertierte hochsensible Kinder haben zum Teil, im Gegensatz zu Kindern mit ADHS eine enorme Ausdauerfähigkeit. Besonders in ruhiger Arbeitsatmosphäre fallen ADHS-ähnliche Symptome wie Zappeligkeit, innere Unruhe und Wutausbrüche weg. Hochsensibilität ist im Gegensatz zu ADHS ein Wesensmerkmal, demnach also keine Störung bzw. Krankheit. Bei ADHS ist das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (Neurotransmitter) verändert. Insbesondere Dopamin und Noradrenalin spielen hier eine wesentliche Rolle. Die Folge ist mangelnde Selbststeuerung und beeinträchtigte Aufmerksamkeit. In ruhiger Atmosphäre tritt keine Verhaltensveränderung ein.
Bei hochsensiblen Kindern wurden in Studien vermehrter Blutfluss in der rechten Hirnhälfte gemessen. Bei Kindern mit ADHS in der linken. Es sind also unterschiedliche Phänomene. Die genaue Differenzierung ist jedoch manchmal schwer. Nicht ohne Grund werden viele Kinder mit ADHS fehl diagnostiziert. Zumal das Phänomen der Hochsensibilität noch nicht überall angekommen ist oder belächelt wird.

Seid ihr unsicher, ob Euer Kind hochsensibel ist? Wendet Euch bei Fragen an eine Beratungsstelle für Hochsensible in Eurer Nähe.

Autorin: Derya Bonifer, Dipl. Pädagogin

Mehr zum Thema Hochsensibilität: Mein hochsensibles Kind und ich

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