Hochsensibel oder Hochsensitiv, was ist das eigentlich?

                                                                                                                                                      Quelle: Pexels

Wir alle kennen sie doch: Die, die so nahe am Wasser gebaut sind. Die, die laute Geräusche   kaum ertragen. Die, die Gerüche schon meilenweit riechen. Die, die dir ansehen, das etwas nicht mit dir stimmt, kaum bist du zur Tür herein. Manchmal verschrien als Sensibelchen. Seit einiger Zeit liest man immer mehr über sie. Und endlich gibt es auch eine Bezeichnung, die diese Menschen beschreibt – hochsensibel oder auch hochsensitiv. Denn tatsächlich sind sie anders. Und was anders ist wollen wir von Tanja Signus, Diplom Pädagogin, Gesprächs- und Foccussing-Therapeutin erfahren. Sie erklärt uns zunächst, dass der  Begriff  „highly sensitive person“ aus dem Amerikanischen stammt. Geprägt wurde er von Elaine Aron, die seit Anfang der 90er Jahre zu diesem Thema forscht. Die Frankfurter Initiative für Hochsensitivität/Hochsensibilität, in dem Tanja Signus sich engagiert, benutzt den Begriff Hochsensitivität, „da wir der Meinung sind, dass diese Begrifflichkeit alle Sinneswahrnehmungen mit einschließt.“ so Signus.
In Deutschland ist die Bezeichnung „Hochsensibel“ geläufiger.
„Das Wissen um die Hochsensitivität ist in Amerika, Asien, Österreich und der Schweiz schon sehr verbreitet. In Deutschland weiß man seit ca. 2004, vielmehr seit Elain Arons Bücher zu Hochsensitivität in deutscher Übersetzung vorliegen, davon. In den letzten Jahren mehren sich auch in Deutschland die Artikel und Beiträge in den Medien“, erklärt Signus.

Ein paar Hintergrundinformationen
Was ist denn nun anders, wollen wir genau wissen. „Wir alle nehmen permanent Informationen über unsere Sinne bzw. Sinnesorgane aus der Umwelt auf“ so Signus. „Die meisten dieser Informationen werden allerdings – durch das Nervensystem selbst, also durch neurologische Prozesse – aus der Wahrnehmung (als irrelevant) herausgefiltert.
Es handelt sich also um eine basale Funktion des Nervensystems, dies erklärt, dass der Umfang der Reizfilterung nicht willensabhängig ist. Die amerikanische Psychologin Elaine Aron hat nun festgestellt, dass bei etwa 15 – 20 % der Individuen (also auch Tiere) der Reizfilter aufgrund neurologischer Besonderheiten durchlässiger ist; es werden also in der selben Zeit mehr Informationen aufgenommen. Anders ausgedrückt: Hochsensible Personen haben ein fehlendes Reizfiltersystem“ erklärt Signus den Unterschied.
„Es fehlt somit der automatische Schutz, der es ermöglicht, wichtige von unwichtigen Reizen zu trennen. Die Intensität des Erlebens ist unterschiedlich und kann bei einigen hochsensitiven Menschen bis an die Schmerzgrenze gehen.“ Das klingt tatsächlich sehr intensiv. Aber „Hochsensibilität ist keine Krankheit!“ betont Signus.

Nach Aron hat es enorme Vorteile für die Erhaltung einer Spezies, eine große Minderheit zu haben, die zunächst besonnen reagiert, nachdenkt und dann erst handelt. Dadurch werden potenzielle Gefahren früher entdeckt und können dann von den „Forscheren“ aus dem Weg geräumt werden. Nicht ohne Grund finden sich viele Hochsensible in Arbeitsbereichen wie beispielsweise Wissenschaftlern, Beratern, Theologen, Historiker etc. wieder.

Und wie steht es um hochsensible Kinder wollen wir nun genauer wissen. „Hochsensible Kinder erleben die Welt differenzierter und zugleich intensiver als andere Kinder. Sie müssen mehr Reize und Informationen geistig und seelisch verarbeiten. Dies führt häufig dazu, dass sie sich in reizüberfüllten Räumen nicht auf das Wesentliche – z.B. den Unterricht – konzentrieren können. Sie sind mit den Dingen um sie herum beschäftigt. Deshalb brauchen hochsensible Kinder häufig auch mehr Zeit und die Möglichkeit zum Rückzug. Haben sie dies, sind sie sehr wohl in der Lage, ihr Wissen abzurufen und sich zu konzentrieren. Ein wesentlicher Unterschied zu ADS/ADHS!“ erklärt Signus. Ein Vergleich zu ADHS? Wie kann man denn hochsensible Kinder mit ADHS vergleichen? Das wollen wir nun konkreter wissen. „Die Vorstellungen vom hochsensiblen Kind muss oft korrigiert werden“ so Signus. „Nicht alle sind introvertiert, schüchtern, ängstlich oder schwach. Es gibt ebenso sehr offene und kommunikationsfreudige, sportliche, körperlich starke und hochintelligente.“ Kinder, die mit ADHS fehldiagnostiziert werden, sind sogenannte extrovertierte Hochsensible. Sie können genau so sprunghaft und impulsiv sein, wie Kinder mit ADHS. Es unterscheidet sie jedoch voneinander, dass extrovertierte Kinder im ruhigen Umfeld ihr ganzes Potential hervorbringen können. Sie haben eine enorme Ausdauer. Hochsensibilität ist ein Wesensmerkmal und keine Störung wie ADHS. „Man geht davon aus, dass die Anlage als eine Begabung und Wesensart ererbt ist, dass soziale Faktoren dabei jedoch eine große Rolle spielen. Der Umgang mit der hohen Sensibilität des Kindes hat entscheidenden Einfluss darauf, ob das Leben einer „highly sensitive person“ gelingt oder ob ein Hochsensitiver – vielleicht schon in der Kindheit – an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird“ führt Signus fort. „Die hohe Sensibilität ist an sich kein Defizit, sondern eine Begabung zur Meisterung des Lebens und eine Gabe für großen inneren Reichtum.“ Also sind hochsensible Kinder etwas ganz Besonderes?
„Man sollte sich generell davor hüten, hochsensible Kinder abzuwerten oder zu idealisieren. Hochsensible Kinder brauchen Eltern und Erzieher mit sehr viel Klarheit, die die Wahrnehmungen des hochsensiblen Kindes nicht in Frage stellen, die ihre Grenzen respektieren und ihnen Sicherheit geben, so dass sie an ihren Grenzen wachsen können.
Hochsensible Kinder sind ein Geschenk für ihre Eltern und für die Welt. Sie können einen wichtigen Beitrag dafür leisten, dass unsere Gesellschaft menschlicher wird. Um das zu leisten, brauchen sie Annahme, Rückhalt und Förderung, so dass sie sich entfalten können. Für ihre Eltern und andere Bezugspersonen sind hochsensible Kinder ein ständiger Anstoß für die eigene Entwicklung.“

Näheres zu Tanja Signus findet ihr unter: www.hi-sensitiv.de

Autorin: Derya Bonifer

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